Erste Erfahrungen mit TARDOC und ambulanten Pauschalen
Ein Stimmungsbild aus Praxen, Fachgesellschaften und Tarifstellen nach den ersten Wochen im neuen Abrechnungssystem.
Der folgende Text basiert auf Interviews mit folgenden Personen:
• Dr. med. Michael Andor, Rheumatologe und Vorstandsmitglied der FMH
• Rémi Guidon, CEO der Organisation ambulante Arzttarife (OAAT)
• Dr. med. Irene Glauser, Hausärztin und Präsidentin der mfe Haus- und Kinderärzte Zürich
• Marcel Frei, Geschäftsführer Schlossberg Ärztezentren AG, Frauenfeld
• Dr. med. Peter Wespi, Hausarzt Huusarztpraxis Früebli
• Patrick Müller, Tarif- und Abrechnungsberater bei PraxisExperts AG
Seit dem 1. Januar 2026 rechnen Schweizer Arztpraxen erstmals nach dem neuen ambulanten Tarif TARDOC sowie den ergänzenden ambulanten Pauschalen ab. Nach Jahren der Vorbereitung ist der Systemwechsel Realität geworden. Doch wie funktioniert TARDOC im Praxisalltag? Erste Einschätzungen zeigen: Der Start verlief vielerorts ruhiger als erwartet – gleichzeitig treten nun konkrete Fragen zur Tarifanwendung, zur Umsetzung des Gesamt-Tarifsystems und zur wirtschaftlichen Entwicklung in den Vordergrund.
Ein Start ruhiger als erwartet
Viele Praxen hatten einen turbulenten Start ins neue Tarifjahr erwartet. Doch der Übergang verlief erstaunlich stabil. Marcel Frei sagt rückblickend: «Wir waren ehrlich gesagt positiv überrascht.» Entscheidend sei die frühe Vorbereitung gewesen. Bereits im Vorjahr habe man Schulungen durchgeführt, Abläufe geprüft und die IT-Systeme getestet. Besonders hilfreich sei zudem gewesen, die ersten Rechnungen bereits am 3. Januar einzureichen, um mögliche Probleme früh zu erkennen. Peter Wespi, betont ebenfalls: «Dank der intensiven Vorbereitungsphase im zweiten Halbjahr 2025 hat die Umstellung ohne grössere Probleme funktioniert. Wir konnten die vorgesehenen Abläufe nutzen, ohne dass relevante Zusatzaufwände entstanden sind.» Besonders hebt er hervor, dass die TARDOC Schulungsangebote auf der MEDlearn-Plattform von Zur Rose «eine gute Grundlage für das Tarif-Know-how» in seiner Praxis geschaffen habe.
Auch Michael Andor bestätigt den weitgehend reibungslosen Start. Gemäss dem Vorstandsmitglied der FMH lief die Umstellung «relativ gut», nicht zuletzt, weil sich viele Fachgesellschaften intensiv auf die Einführung vorbereitet hätten. Die Abläufe seien stabil, die Software funktioniere, und die befürchteten grösseren Probleme mit Versicherern seien bislang ausgeblieben. Irene Glauser beschreibt die Umstellung ebenfalls als besser als erwartet und betont: «Die Softwareanbieter waren sehr gut vorbereitet.» Gleichzeitig benötige es aber auch Zeit, sich in neue Bezeichnungen und Limitationen einzuarbeiten.
Aus tarifpolitischer Sicht ordnet Rémi Guidon die Lage ähnlich ein. Er bezeichnet die Einführung als «ruhiger als erwartet», verweist aber auch darauf, dass nach einem Monat naturgemäss noch nicht alle Effekte sichtbar seien.
Vorbereitung als zentraler Erfolgsfaktor
Ein Muster zieht sich durch alle geführten Gespräche: Praxen, die früh und sorgfältig geplant haben, starteten deutlich entspannter ins neue Jahr. Patrick Müller formuliert es prägnant: «Der Tarifwechsel ist das Rückgrat der Ertragssituation einer Praxis.» Viele hätten diesen Zusammenhang erkannt und gezielt in Schulungen und interne Prozesse investiert.
Das Schlossberg Ärztezentrum etwa setzte bewusst auf interne Vor-Ort-Schulungen und teamübergreifende Vorbereitung. Für MPAs habe sich somit der Alltag gemäss Marcel Frei «weniger verändert als gedacht», da TARDOC für viele Abläufe weiterhin als Einzelleistungstarif funktioniert. Fachgesellschaften und Verbände hätten ebenfalls entscheidend zur Orientierung beigetragen, betont Michael Andor. «Die Fachgesellschaften haben einen super Job gemacht», sagt er und verweist auf klare, fachspezifische Schulungen und FAQs, die den Alltag erleichtern.
Die neuen Herausforderungen liegen in der Tarifanwendung
Nachdem die Technik gut funktionierte, treten nun jene Fragen in den Vordergrund, die erst im Praxisalltag sichtbar werden: konkrete Situationen, die tarifliche Interpretation erfordern. Irene Glauser schildert dies aus Sicht der Hausärzteschaft: «Man muss noch häufig nachschlagen. Neue Bezeichnungen, neue Limitationen – das braucht Zeit.» Bei bestimmten Kombinationen, etwa palliativen Hausbesuchen und Wegeentschädigungen, seien noch nicht alle Sachverhalte optimal abgebildet. Auch Michael Andor beobachtet, dass Praxen zu Beginn öfter Rückweisungen erhalten, «weil man am Anfang noch ein bis zwei Fehler macht».
Diese Rückweisungen seien oft technisch bedingt oder interpretationsabhängig. Gleichzeitig betont er, wie wichtig eine präzise Dokumentation sei: «Wir können unsere Leistungen jetzt viel genauer abbilden; aber nur, wenn wir sie auch korrekt erfassen.»
Patrick Müller bestätigt diesen Trend. Die Anfragen an seine Beratungsstelle hätten sich im Januar nicht wie erwartet reduziert, sondern verstärkt. «Die Theorie war klar, jetzt kommt die Praxis», sagt er. Häufig gehe es um Alltagssituationen, in denen Praxen unsicher seien, ob sie vollständig oder tarifkonform abrechnen.
Ambulante Pauschalen als grösstes Diskussionsfeld
Während der TARDOC in vielen Bereichen gut funktioniert, sorgen die ambulanten Pauschalen für deutlich mehr Verunsicherung. Sie gelten als das komplexere Element des neuen Systems. Michael Andor erklärt: «Bei den Pauschalen hat es noch Fehler. Dort ist nicht alles sachgerecht abgebildet.» Dies sei auch der jahrelangen Verzögerung der Tarifrevision geschuldet. Rémi Guidon erinnert daran, dass sich der öffentliche Fokus oft stark auf die Pauschalen richte, obwohl das grössere Volumen weiterhin über TARDOC laufe. Er sieht einen grossen Vorteil in der neuen Tarifmechanik: «Was heute nicht optimal ist, ist nicht in Stein gemeisselt.» Jährliche Revisionen seien vorgesehen, die nächste Version für 2027 sei bereits in Arbeit, welche noch im Februar in die Vernehmlassung bei den Tarifpartnern gehe.
Wirtschaftliche Auswirkungen: Erste Eindrücke, viele Fragezeichen
Eine der drängendsten Fragen aus den Praxen lautet: Werden Grundversorgerinnen und Grundversorger tatsächlich bessergestellt?
Sämtliche Interviewpartner sind sich einig, dass nach einem Monat keine seriösen Aussagen möglich sind. Marcel Frei zeigt sich aber eher skeptisch: «Ich bezweifle, dass es für Hausärzte wirklich besser wird», sagt er. Zwar könne man Leistungen differenzierter abrechnen, aber mehr abrechenbare Zeit bedeute nicht automatisch mehr verfügbare Arbeitszeit im Praxisalltag. Auch Irene Glauser sieht Unklarheiten, insbesondere in Bezug auf die Kostenneutralität und die mögliche Entwicklung des Taxpunktwerts.
Im Raum stehe die Frage, ob ambulante Pauschalen langfristig Druck auf den Taxpunktwert ausüben könnten. Peter Wespi ergänzt, dass seine Praxis die Abrechnungsdaten im Trustcenter Praxisspiegel analysieren werde, sobald erste Auswertungen verfügbar sind. Erst dann seien valide Aussagen möglich.
Patrick Müller rät ebenfalls zu früher Datenauswertung, Benchmarking innerhalb der Fachrichtungen und Trustcenter-Vergleichen: Wer im Verlauf der ersten Quartale regelmässig auswerte, könne rechtzeitig korrigieren und Überraschungen vermeiden.
Unterstützungsbedarf: Von generischer Schulung zu individueller Beratung
Das allgemeine Feedback zur Schulungslandschaft fällt positiv aus. Managed-Care-Organisationen, Fachgesellschaften, Tarifbüros sowie Softwarehersteller und Schulungsanbieter aus der Industrie wie etwa Zur Rose haben breite Grundlagen geschaffen. Die Bedeutung kontinuierlicher Wissensvermittlung wird zudem mehrfach betont. So hebt Glauser den Wert laufend aktualisierter FAQs, Videos und Factsheets hervor. Peter Wespi erwartet zudem, dass «in einigen Wochen», wenn erste Trustcenter Daten vorliegen, fachspezifische Analysen und Rückmeldungen zentral werden. Dem pflichtet Patrick Müller bei: Während zu Beginn der Einführung generische Schulungen und Webinare eine wichtige Rolle spielten, dürfte sich der Bedarf nun aber zunehmend in Richtung individualisierter Unterstützung verschieben: «Schulungen sind wichtig, aber oft nicht ausreichend. Jede Praxis hat ihr eigenes Leistungsspektrum.» Besonders spezialisierte Fachbereiche benötigen massgeschneiderte Tarifanwendungshilfen.
Ausblick: Lernen, analysieren, anpassen
Der erste Monat mit TARDOC zeigt ein klares Bild: Der technische Wechsel ist gelungen, doch die eigentliche Arbeit beginnt jetzt. Die kommenden Monate werden geprägt sein von der Beobachtung von Abrechnungsdaten, der Klärung tariflicher Fragen und der Weiterentwicklung des Tarifs. Rémi Guidon verweist auf die neue Dynamik des Systems. Anders als beim früheren TARMED seien Anpassungen nun jährlich möglich, was langfristig zu mehr Präzision und Fairness führen könne. «Wir haben jetzt die Möglichkeit, den Tarif jährlich anzupassen», sagt er. Dies sei ein zentraler Punkt, der oft übersehen werde.
Alle Gesprächspartner sind sich einig: Jetzt gehe es nicht mehr darum, ob TARDOC funktioniere, sondern wie gut er im Alltag genutzt werde.
Weiterführende Unterstützung
TARDOC-Webinare und Expertencalls
MEDlearn bietet Ärztinnen und Ärzten, MPAs und Praxismanagerinnen praxisnahe Schulungen zu den neuen Tarifen und intelligente Tools für die Unterstützung einer korrekten Leistungsabrechnung.
Mehr Informationen: www.medlearn-online.ch
