Gleiche Krankheit, gleiche Medikation – unterschiedliche Wirkung: Frauen und Männer erkranken oft nicht gleich, zeigen häufig andere Symptome und reagieren verschieden auf Medikamente. Genau damit befasst sich die Gendermedizin. Was das für Ihre Gesundheit und Behandlung bedeutet, erfahren Sie in diesem Artikel.
Wichtiges auf einen Blick
- Das Geschlecht kann beeinflussen, wie Krankheiten sich zeigen, verlaufen und behandelt werden.
- Viele Medikamente wurden hauptsächlich an Männern getestet:
- Dosierungen sind deshalb nicht immer optimal auf Frauen abgestimmt.
- Frauen haben vielfach andere oder anders verlaufende Nebenwirkungen.
- Bei Frauen wird ein Herzinfarkt häufig später erkannt, weil sie oft andere Symptome haben als Männer.
- Männer haben früher und häufiger Herz-Kreislauf-Krankheiten – und suchen oft später Hilfe als Frauen.
- Die Gendermedizin forscht an präziseren Therapien für beide Geschlechter.
Lange galt in der Medizin das Prinzip «Was für den Mann gilt, gilt genauso für die Frau». Doch das ist falsch und kann gravierende Folgen haben. Denn die gleiche Therapie führt bei Frauen und Männern nicht automatisch zum gleichen Ergebnis: Wirkung, Verträglichkeit und Nebenwirkungen können sich je nach Geschlecht unterscheiden.
Das medizinische Fachgebiet der Gendermedizin untersucht deshalb systematisch, wie biologische und soziale Geschlechtsunterschiede Gesundheit, Entstehen von Krankheit, Symptome und Therapieerfolge beeinflussen. Dabei beschäftigt sich die Gendermedizin nicht nur mit Frauen, sondern mit allen Menschen.
Kein Modethema, sondern bessere Medizin für alle
Lange galt in der Medizin der Mann als Massstab: Bis in die 1990er-Jahre wurden nur wenige Frauen in klinische Studien aufgenommen – unter anderem wegen möglicher Schwangerschaften und hormoneller Schwankungen während des Menstruationszyklus. Bis heute werden Frauen häufig von klinischen Studien ausgeschlossen – weibliche Körper gelten als «zu komplex» für die Forschung.
Die Folge: Viele Dosierungen, Referenzwerte, Diagnosekriterien und Risikobewertungen wurden vor allem auf Männer ausgelegt. Wie Krankheiten bei Frauen verlaufen und wie Medikamente bei ihnen wirken, blieb dagegen oft unerforscht. Diese Wissenslücke wirkt bis heute nach – etwa, wenn Beschwerden bei Frauen anders eingeordnet oder Erkrankungen später erkannt werden.
Genau hier setzt die Gendermedizin an. Das Ziel ist nicht, Frauen und Männer grundsätzlich unterschiedlich zu behandeln. Im Gegenteil: Es geht darum, Diagnosen präziser zu stellen, Therapien gezielter anzupassen und Risiken früher zu erkennen.
Davon profitieren beide Geschlechter. Denn auch Männer haben Nachteile, wenn Unterschiede ignoriert werden: Depressionen oder Osteoporose etwa werden bei ihnen oft später erkannt, weil sie als «typische Frauenkrankheiten» gelten. Wer geschlechtsspezifische Unterschiede berücksichtigt, kann Fehldiagnosen vermeiden und wirksamer behandeln – bei Frauen wie bei Männern.
Heute wird dieser blinde Fleck gezielt angegangen – in der Schweiz unter anderem durch das Nationale Forschungsprogramm NFP 83 «Gendermedizin und Gesundheit» des Schweizerischen Nationalfonds, das mit 11 Millionen Franken gefördert wird. Es soll die geschlechter- und gendersensible Forschung in Bereichen wie Prävention, Therapie, Gesundheitsversorgung und gesellschaftlichen Auswirkungen stärken und langfristig in der Medizin verankern. Ergänzt wird dies durch die Professur für Gendermedizin an der Universität Zürich. Gendermedizin gilt damit zunehmend als selbstverständlicher Bestandteil einer guten Gesundheitsversorgung.
Gender Data Gap: Wenn fehlende Daten zum Risiko werden
Dass medizinisches Wissen lange vor allem auf männlichen Probanden, männlichen Versuchstieren und männlichen Zellkulturen beruhte, hat einen Namen: «Gender Data Gap». Diese geschlechtsbezogene Datenlücke wirkt bis heute nach – mit konkreten Folgen: Das bekannteste Beispiel für eine bei Frauen oft später erkannte Krankheit ist der Herzinfarkt. Seine klassischen Symptome stammen aus Studien mit Männern. Frauen zeigen jedoch oft ganz andere Symptome und erhalten deshalb teils erst später die richtige Diagnose.
Die Gendermedizin hilft, diese Datenlücken zu schliessen. Sie trägt dazu bei, dass medizinische Entscheidungen auf einer geschlechtergerechten Datenbasis beruhen und geschlechtsspezifische Unterschiede besser berücksichtigt werden.
Frauen und Männer erkranken anders – ein Überblick
Schweizer Gesundheitsstatistiken zeigen klare Unterschiede zwischen den Geschlechtern:
Gewusst? Erkrankungen werden bei Frauen häufig später erkannt
Die Gendermedizin beschäftigt sich nicht nur mit unterschiedlichen Symptomen, sondern auch mit verzögerten Diagnosen. Weil viele medizinische Leitlinien überwiegend auf Daten männlicher Studienteilnehmer beruhen, werden Erkrankungen bei Frauen mitunter später erkannt oder zunächst falsch eingeordnet. Das betrifft neben Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie etwa dem Herzinfarkt zum Beispiel auch Autoimmunerkrankungen, Osteoporose oder Endometriose.
Deshalb gilt:
Nehmen Sie als Frau Ihre Beschwerden ernst – auch wenn diese untypisch wirken – und lassen Sie diese frühzeitig abklären. So kommen Sie schneller zur richtigen Diagnose und zur passenden Behandlung.
Chronische Erkrankungen: Wenn Unterschiede über Jahre wirken
Gerade bei chronischen Erkrankungen können geschlechtsspezifische Unterschiede den Verlauf, die Symptome und den Therapieerfolg über viele Jahre beeinflussen.
Frauen leben häufiger mit einer oder mehreren chronischen Erkrankungen. Zudem treten bestimmte Krankheiten bei Frauen deutlich häufiger auf – etwa Autoimmunerkrankungen wie Rheuma, Multiple Sklerose oder Hashimoto-Thyreoiditis. Männer entwickeln hingegen oft früher Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Auch die Belastung durch chronische Erkrankungen kann sich bei den Geschlechtern unterscheiden: Frauen berichten häufiger über Schmerzen, Erschöpfung oder Einschränkungen im Alltag. Männer thematisieren Beschwerden vielfach kaum und suchen oft später ärztliche Hilfe – was Diagnose und Behandlung verzögern kann.
Für Menschen mit chronischen Erkrankungen ist die Gendermedizin besonders relevant, da sie oft über viele Jahre mit mehreren Medikamenten behandelt werden. Gerade dann können sich geschlechtsspezifische Unterschiede bei Stoffwechsel, Hormonen und Nebenwirkungen deutlich zeigen. Eine regelmässige Überprüfung der Medikation hilft, die Therapie auf die persönliche Situation abzustimmen.
Das bedeutet Gendermedizin für Männer
Für Männer hat die Gendermedizin genauso konkrete Folgen wie für Frauen. Oft weniger bei Wirkung und Nebenwirkungen von Medikamenten, sondern eher im Umgang mit der eigenen Gesundheit sowie dem Krankheitsverlauf. Die folgenden Punkte zeigen Ihnen, wo Sie als Mann besonders aufmerksam sein sollten.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Früher und häufiger betroffen
Herzinfarkte und Schlaganfälle kommen bei Männern im Durchschnitt häufiger und in jüngerem Alter vor als bei Frauen. Die Gründe dafür: Risikofaktoren wie Übergewicht und Rauchen sind bei Männern verbreiteter. Zudem lassen sich viele Männer deutlich später ärztlich untersuchen – was die Prognose verschlechtert.
Tipp:
Lassen Sie Blutdruck, Cholesterin und Blutzucker regelmässig überprüfen. Das ist auch ohne Beschwerden wichtig.
Infektionen: Schwerere Verläufe
Männer haben im Durchschnitt eine schwächere Immunreaktion als Frauen. Das kann dazu führen, dass Infektionskrankheiten schwerer verlaufen. Die COVID-19-Pandemie zeigte diesen Unterschied deutlich: Männer hatten ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe und starben auch häufiger an der Infektion als Frauen.
Tipp:
Nehmen Sie Infekte ernst. Überspielen Sie keine Beschwerden und kurieren Sie sich richtig aus. Achten Sie zudem darauf, welche Impfungen für Ihre Situation empfohlen sind.
Medikamenten-Einnahme: Adhärenz weniger ausgeprägt
Die Adhärenz – also das Einhalten der verordneten Medikation/Therapie – ist bei Männern durchschnittlich geringer als bei Frauen: Männer nehmen Medikamente häufiger unregelmässig oder zu kurz. Besonders bei Dauermedikationen wie Blutdruck- oder Cholesterinsenkern kann das die Schutzwirkung erheblich verringern.
Tipp:
Nehmen Sie Ihre Medikamente regelmässig ein und halten Sie sich an Dosis und Einnahmezeitpunkt – auch wenn Sie sich gut fühlen. Setzen Sie keine Medikamente eigenhändig ab und verringern Sie auch nicht die Dosis, ohne mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt darüber zu sprechen.
Psychische Gesundheit: Weniger erkannt, seltener behandelt
Psychische Erkrankungen zeigen sich bei Männern häufig anders als bei Frauen. Männer haben etwa bei einer Depression statt der «typischen» Traurigkeit oft Symptome wie Reizbarkeit, Rückzug oder körperlichen Beschwerden. Das führt dazu, dass psychische Erkrankungen bei Männern häufig nicht oder erst spät erkannt und behandelt werden.
Tipp:
Anhaltende Reizbarkeit, Schlafprobleme oder Erschöpfung sind Warnsignale. Darüber zu sprechen und sich Unterstützung zu holen, zeugt von Stärke.
Was Sie als Mann konkret tun können
- Machen Sie regelmässige Vorsorgeuntersuchungen – früh erkannte Erkrankungen lassen sich oft erfolgreicher behandeln.
- Sprechen Sie Ihre Ärztin/Ihren Arzt auf Ihr persönliches Herz-Kreislauf-Risiko an.
- Nehmen Sie Ihre Medikamente konsequent gemäss ärztlichem Rezept ein. Brechen Sie die Einnahme nie eigenmächtig ab und verändern Sie auch nie eigenhändig Dosis oder Einnahmehäufigkeit Ihrer Medikamente.
- Achten Sie auf sich und suchen Sie bei psychischen Belastungen frühzeitig Unterstützung.
Das bedeutet Gendermedizin für Frauen
Für Frauen zeigt sich die Bedeutung der Gendermedizin in mehreren Bereichen: Krankheiten äussern sich bei ihnen teilweise anders als bei Männern, Medikamente wirken oft stärker und das Immunsystem reagiert im Durchschnitt stärker als bei Männern. Auf die folgenden Punkte sollten Sie als Frau achten.
Herzinfarkt: Wenn Symptome nicht ins Lehrbuch passen
Seit Jahrzehnten wird erklärt: Ein klassischer Herzinfarkt kündigt sich an mit starken Brustschmerzen und Ausstrahlung in den linken Arm. Doch diese Beschreibung stützt sich vor allem auf männliche Patientendaten. Bei Frauen zeigt sich ein Herzinfarkt hingegen häufig völlig anders.
Diese Symptome können bei Frauen auf einen Herzinfarkt hindeuten:
- Übelkeit und Erbrechen
- Atemnot
- Rücken- oder Oberbauchschmerzen
- Ausgeprägte Müdigkeit
Diese weniger eindeutigen Beschwerden werden – selbst von medizinischem Fachpersonal – seltener als Anzeichen eines Herzinfarkts erkannt. Das führt zu einer verzögerten Diagnose und Behandlung. Frauen haben deshalb ein erhöhtes Risiko für Komplikationen.
Tipp:
Schenken Sie plötzlich auftretenden, unklaren Beschwerden Beachtung – auch wenn sie nicht «typisch» sind. Bestehen Sie darauf, dass diese rasch medizinisch abgeklärt werden.
Medikamente: Gleiche Dosis, oft stärkere Wirkung
Zwischen Frauen und Männern bestehen physiologische Unterschiede, etwa bei Körpergewicht, der Zusammensetzung von Fett- und Muskelgewebe, der Nierenfunktion, dem Leberstoffwechsel, den Hormonen und genetischen Faktoren.
Diese Unterschiede beeinflussen, wie schnell die Wirkstoffe von Medikamenten aufgenommen, verteilt und abgebaut werden. Wirkung und Nebenwirkungen eines Medikaments können deshalb bei Frauen und Männern selbst bei gleicher Dosierung unterschiedlich sein.
Die folgenden Beispiele zeigen, wie unterschiedlich Medikamente wirken können:
Tipp:
Fragen Sie Ihre Ärztin/Ihren Arzt oder in Ihrer Apotheke, ob Ihr Geschlecht bei der Wahl oder Dosierung Ihrer Medikamente berücksichtigt wurde – besonders bei Schlaf- und Herzmitteln sowie Psychopharmaka.
Hormone beeinflussen die Behandlung
Neben biologischen Unterschieden spielen auch Hormone eine wichtige Rolle: Menstruationszyklus, Schwangerschaft oder andere hormonelle Veränderungen können beeinflussen, wie Medikamente aufgenommen, verteilt oder abgebaut werden. Dadurch können Wirkung und Verträglichkeit einzelner Arzneimittel im Laufe des Lebens variieren.
Je nach hormoneller Situation nehmen Frauen Beschwerden nicht immer gleich wahr und Schmerzen oder chronische Erkrankungen können sich unterschiedlich bemerkbar machen.
Die Gendermedizin untersucht deshalb zunehmend, wie Menstruationszyklus, hormonelle Verhütung, Schwangerschaft, Stillzeit und Wechseljahre stärker bei Diagnostik und Therapie berücksichtigt werden können.
Wie sich hormonelle Veränderungen im Laufe des Lebens auf Gesundheit und Medikamente auswirken, lesen Sie im Abschnitt «Hormonelle Veränderungen: Das sollten Frauen und Männer wissen».
Die folgende Übersicht zeigt, welche Veränderungen während der Wechseljahre besonders häufig beobachtet werden, und weshalb diese Phase auch für die medikamentöse Behandlung von Bedeutung sein kann.
Tipp:
Informieren Sie Ihre Ärztin/Ihren Arzt über Zyklusveränderungen, hormonelle Verhütung, Schwangerschaft oder Wechseljahre. Solche Angaben können wichtige Hinweise für die Diagnose und Behandlung liefern.
Immunsystem: Bessere Abwehr, höheres Autoimmunrisiko
Das Immunsystem von Frauen reagiert im Durchschnitt stärker als jenes von Männern. Das hat Vorteile – wenn etwa Infektionen dadurch schneller bekämpft werden können. Die Kehrseite davon: Das Risiko für Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem den eigenen Körper angreift (z.B. bei Rheuma, Hashimoto, Multiple Sklerose) ist bei Frauen deutlich erhöht.
Autoimmunerkrankungen sind ein Paradebeispiel für Geschlechtsunterschiede bei chronischen Krankheiten: Rund 80 Prozent der Betroffenen sind Frauen. Warum das so ist, ist noch nicht vollständig geklärt. Fachleute vermuten ein Zusammenspiel aus Geschlechtshormonen, genetischen Faktoren und Unterschieden im Immunsystem. Diese Zusammenhänge zu erforschen, gehört zu den zentralen Aufgaben der Gendermedizin.
Tipp:
Lassen Sie anhaltende unklare Beschwerden wie Abgeschlagenheit, Gelenkschmerzen oder Hautveränderungen ärztlich abklären.
Was Sie als Frau konkret tun können
- Fragen Sie Ihre Ärztin/Ihren Arzt, ob Ihr Geschlecht bei der Wahl oder Dosierung Ihrer Medikamente berücksichtigt wurde.
- Informieren Sie Ihre Ärztin/Ihren Arzt über hormonelle Veränderungen (Zyklus, Schwangerschaft) und fragen Sie nach, ob dies die Wirkung Ihrer Medikamente beeinflussen könnte.
- Sprechen Sie Wechseljahre aktiv an und erkundigen Sie sich, welchen Einfluss sie auf Beschwerden, Krankheitsrisiken und Medikamente haben können.
- Berichten Sie frühzeitig über Nebenwirkungen – auch wenn diese unspezifisch erscheinen.
- Nehmen Sie atypische oder unklare Symptome ernst und bestehen Sie auf einer Abklärung.
- Dokumentieren Sie Zyklus, Beschwerden sowie Medikamentenwirkungen und Nebenwirkungen, wenn Beschwerden wiederkehren.
Hormonelle Veränderungen: Das sollten Frauen und Männer wissen
Hormone beeinflussen nahezu alle wichtigen Körperfunktionen – nicht nur die Fruchtbarkeit. Sie steuern bei beiden Geschlechtern unter anderem Stoffwechsel, Herz-Kreislauf-System, Knochengesundheit, Immunsystem und Psyche. Verändert sich der Hormonhaushalt im Laufe des Lebens, kann das deshalb nicht nur das Erkrankungsrisiko, sondern auch Diagnose, Therapie sowie Wirkung und Verträglichkeit von Medikamenten beeinflussen.
Am deutlichsten zeigt sich das in bestimmten Lebensphasen: Hormonelle Umstellungen sind bei Frauen rund um die Menopause meist klar spürbar, bei Männern verlaufen sie in der sogenannten Andropause eher schleichend. Was das für Frauen und Männer konkret bedeutet, lesen Sie in den folgenden Abschnitten.
Bei Frauen: Perimenopause, Menopause, Wechseljahre
Der hormonelle Übergang verläuft bei Frauen in zwei Phasen: Perimenopause (Übergangszeit) und Menopause (letzte Menstruation). Der im Alltag gebräuchliche Begriff «Wechseljahre» bezeichnet den gesamten Prozess. Was die einzelnen Begriffe genau bedeuten, lesen Sie in den FAQ.
Entscheidend für Ihre Gesundheit ist vor allem, was in dieser Zeit im Körper passiert: Schon in der Perimenopause beginnen die weiblichen Geschlechtshormone Östrogen und Progesteron stark zu schwanken – erste Beschwerden wie Hitzewallungen oder Schlafstörungen können auftreten. Mit der Menopause sinkt die Produktion der Geschlechtshormone dann dauerhaft. Die sinkenden Hormonspiegel beeinflussen weit mehr als das Wohlbefinden: Sie verändern unter anderem Herz-Kreislauf-System, Knochen, Stoffwechsel und die Wirkung von Medikamenten – wie stark, ist individuell sehr verschieden.
Deshalb spielen die Wechseljahre in der Gendermedizin eine wichtige Rolle: Sie zeigen, wie eng Hormone, Krankheitsrisiken und die passende Therapie zusammenhängen.
Bei Männern: langsamer Rückgang des Testosterons
Auch bei Männern verändert sich der Hormonhaushalt mit dem Älterwerden – nur langsamer und weniger auffällig als bei Frauen. Der männliche Testosteronspiegel sinkt meist über viele Jahre hinweg. Umgangssprachlich wird dieser altersbedingte Hormonrückgang oft als «Andropause» bezeichnet. Medizinisch wird dieser Begriff jedoch zurückhaltend verwendet, weil es für den Rückgang des Testosterons keinen klar definierten Zeitpunkt gibt wie bei der Menopause.
Fachleute sprechen eher von einem altersbedingten Testosteronmangel – und zwar nur dann, wenn ein Mangel nachgewiesen ist und gleichzeitig Beschwerden bestehen.
Mögliche Anzeichen dafür sind:
- Müdigkeit
- nachlassende Muskelkraft
- Verlust der Libido
- geringere Knochendichte
- Veränderungen des Stoffwechsels
Prävention und Vorsorge
Hormonelle Veränderungen bedeuten nicht automatisch, dass Medikamente angepasst werden müssen. Sie sind aber ein guter Anlass, bestehende Therapien überprüfen zu lassen – besonders, wenn neue Beschwerden auftreten oder Sie Veränderungen bei Wirkung oder Verträglichkeit Ihrer Medikamente bemerken.
LGBTQ+ und Gesundheit
Zur Gendermedizin gehört neben den Unterschieden zwischen Frauen und Männern auch die Gesundheit von LGBTQ+-Personen – ein Bereich, den die Gendermedizin zunehmend adressiert.
Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) weist diesbezüglich auf gesundheitliche Ungleichheiten hin – insbesondere im Bereich der psychischen Gesundheit. Die Datenlage dazu ist in der Schweiz allerdings noch begrenzt. Entsprechend werden gezielte Präventions- und Versorgungsansätze für diese Personengruppen noch unzureichend umgesetzt.
Sie möchten noch mehr über Gendermedizin erfahren?
Im Podcast «Medbase im Dialog» widmet sich Folge 9 der Frage «Warum Frauen eine andere Medizin brauchen als Männer». Zwei Fachfrauen erklären, warum geschlechtsspezifische Unterschiede in Behandlung und Vorsorge so wichtig sind – und warum eine geschlechtssensible Medizin beiden Geschlechtern zugutekommt. Jetzt reinhören.
Der Gendermedizintag an der ETH Zürich bringt einmal jährlich Fachpersonen aus Forschung, Lehre und Praxis zusammen. Die sich an Fachpersonen und Studierende richtende Veranstaltung steht allen Interessierten offen. Die nächste Ausgabe findet statt am 26. September 2026 unter dem Titel «Medizin für alle: Gendermedizin zwischen Technologie, Lehre und Praxis». Mehr dazu erfahren Sie hier.
Wichtige Fragen rund um das Thema Gendermedizin
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Nein. Gendermedizin betrifft alle Menschen. Sie untersucht, wie biologische und soziale Geschlechtsunterschiede die Gesundheit beeinflussen. Das schliesst Männer ebenso ein wie Frauen und non-binäre Personen.
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Ja. Gerade bei älteren Menschen ist die Gendermedizin wichtig, weil sich geschlechtsspezifische Unterschiede im Abbau von Medikamenten im Alter oft verstärken. Zudem steigt die Anzahl gleichzeitig eingenommener Medikamente mit dem Älterwerden deutlich. Eine regelmässige Überprüfung der Medikation ist deshalb besonders wichtig.
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Es kann hilfreich sein, aktiv nachzufragen. Fragen wie etwa «Ist die Dosierung dieses Medikaments für Frauen geprüft?», «Hat mein Geschlecht einen Einfluss auf die Therapiewahl?» oder «Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Wirkung oder Dosierung meines Medikaments?» könnten die Qualität Ihrer Behandlung verbessern.
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Ja. Ihr Zyklus beeinflusst verschiedene Prozesse in Ihrem Körper. Bei bestimmten Erkrankungen wie etwa Migräne, Autoimmunerkrankungen, psychische Beschwerden oder gewissen Medikamenten kann es deshalb hilfreich sein, Ihre aktuelle Zyklusphase zu berücksichtigen.
Vermuten Sie, dass gewisse Beschwerden oder Nebenwirkungen mit Ihrem Zyklus zusammenhängen? Sprechen Sie das aktiv bei Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt oder bei Ihrer Apotheke an. -
Diese im Alltag oft vermischten drei Begriffe bezeichnen medizinisch verschiedene Phasen:
Die Perimenopause ist die hormonelle Übergangsphase vor der Menopause. Sie beginnt meist zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr (bei einigen Frauen auch schon früher) und kann mehrere Jahre dauern. In dieser Phase schwanken die weiblichen Geschlechtshormone Östrogen und Progesteron stark. Das kann zu ersten Beschwerden führen wie Hitzewallungen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Konzentrationsprobleme («Brain Fog»), Müdigkeit oder Gelenkschmerzen – obwohl die Menstruation noch regelmässig oder zumindest unregelmässig vorhanden ist.
Die Menopause bezeichnet den Zeitpunkt der letzten Menstruation. Festgestellt wird das rückblickend, wenn eine Frau zwölf Monate lang keine Menstruationsblutung mehr hatte – und keine andere medizinische Ursache dafür vorliegt. Schweizer Frauen kommen im Schnitt mit rund 51 Jahren in die Menopause.
Der Begriff Wechseljahre (auch «Klimakterium» genannt) gilt als Oberbegriff für den gesamten Übergang von der Perimenopause über die Menopause bis in die Zeit danach («Postmenopause» genannt). In dieser Zeit sinkt die Produktion der weiblichen Geschlechtshormone dauerhaft. Dies beeinflusst nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch Herz-Kreislauf, Knochen, Stoffwechsel, Psyche sowie die Wirkung und Verträglichkeit von Medikamenten. -
Nicht immer. Viele Standarddosierungen basieren auf Studien, die überwiegend mit männlichen Probanden durchgeführt wurden. Besonders bei Schlafmitteln, Herzmitteln und Psychopharmaka gibt es relevante Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Wenn Sie unsicher sind, fragen Sie bei Ihrer Apotheke oder bei Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt nach.
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Die Schweiz hat wichtige Schritte unternommen: Es gibt eine Professur für Gendermedizin an der Universität Zürich und das Nationale Forschungsprogramm NFP 83 des Schweizerischen Nationalfonds. Auch in der medizinischen Aus- und Weiterbildung wird das Thema zunehmend aufgegriffen. Netzwerke und Fachgesellschaften tragen dazu bei, Wissen zu bündeln und in die Praxis zu überführen. Die flächendeckende Umsetzung im medizinischen Alltag ist jedoch noch im Gange.
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(letzter Aufruf 27.07.2026)
https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/aktuell/neue-veroeffentlichungen.assetdetail.35269344.html
https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/gesundheit/erhebungen/sgb.html
https://www.bag.admin.ch/de/gesundheitliche-benachteiligung-von-frauen
https://www.nfp83.ch
https://www.gendermed.uzh.ch
https://www.uzhfoundation.ch/projekte/medizin/gendermedizin
https://uzhalumni.ch/news/1926597
https://www.swissmedic.ch/swissmedic/fr/home/ueber-uns/publikationen/visible/swissmedic-visible-aug-2025.spa.v11.app/de/gendermedizin.html
https://www.swiss-gendermedicine.org/was-ist-gendermedizin
https://frauenzentrale-zh.ch/gendermedizin
https://www.medbase.ch/aktuell/detail/news/warum-gendermedizin-die-medizinische-qualitaet-verbessert
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